Kolumnen von Anita Wagner Weibel
Gemeindeleiterin in Neuheim 2004 - 2013


Bringt's überhaupt etwas?  Pfarreiblatt 2013-15, vom 7. April 2013
Himmel auf Erden,  Pfarreiblatt 2013-6+7, vom 3. Februar 2013
Bald ist Ostern,  Pfarreiblatt 2012-15, vom 8.April 2012
Das waren noch Zeiten,  Pfarreiblatt 2010-12, vom 14.März 2010
Zwerg und Riese,  Pfarreiblatt 2009-44, vom 30. Oktober 2009
Ich Esel!,  Pfarreiblatt Nr. 35, vom 23. August 2009
In der Warteschlange, LuZ, 23.Januar 2009
Ein Quentchen Gegenwart,
Der Spiegel Gottes, PB 23.November 2008 
Gottesdienst am Sonntag, 17.Oktober 2008
Dankbarkeit leben, 2.Oktober 2008

In der Warteschlange
Der Amerikaner Arthur Bloch hat unser Alltagsleben auf Gesetzmässigkeiten untersucht. Seine Erkenntnisse bündelt er in den Formeln, die als "Murphys Gesetze" bekannt sind. Eines davon erleben wir täglich: " Die andere Schlange kommt schneller voran."  Vor der Kasse in der Migros, im Stau auf der Autobahn - stets ist die andere Warteschlange schneller.

Murphys Gesetz gilt für alle Lebensbereiche: Andere kommen schneller voran, ihnen fällt in den Schoss, was ich hart erarbeiten muss. Auch in der Bibel begegnet uns Murphys Gesetz: Jesus erzählt vom Gutsbesitzer, der mehrmals am Tag vom Marktplatz Arbeiter für seinen Weinberg holt. Einige arbeiten seit frühmorgens, andere erst seit einer Stunde vor Feierabend - alle erhalten den gleichen Lohn. Einmal mehr in der falschen Schlange, denken die Männer der ersten Stunde.

Gilt dies auch für die Schlange vor der Himmelstüre? Bin ich in der falschen Spur, wenn ich mein Leben nach Gottes Geboten richte, jener aber, der sich in letzter Minute besinnt, dieselben Chancen hat? Versuche ich, mich in die andere Schlange einzureihen, tritt wieder Murphys Gesetz in Kraft: "Wechselst du die Spur, wird sich jene, die du verlassen hast, schneller bewegen als die, in der du jetzt stehst.".    

Lerne ich das Leben der vermeintlich Glücklichen näher kennen, bleiben mir Schattenseiten nicht verborgen. Denke ich an die Arbeiter der letzten Stunde, frage ich mich: Ist das wirklich Glück, den ganzen Tag nicht arbeiten zu dürfen? Ist ein Leben, das sich an Reichtum und Bequemlichkeit orientiert, tatsächlich verlockend? Murphys Gesetz begleitet uns durchs Leben, aber es stört weniger, wenn wir auf Jesus hören: Sei nicht neidisch, gönne andern ihr Glück! Je mehr du dich mit ihnen freuen kannst, desto zufriedener wirst  du selbst!
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Der Spiegel Gottes

- Alle Menschen sind Menschen.
- Alle Menschen haben Lebensrecht auf dieser Erde.
- Auch Kranke, Behinderte und Beeinträchtigte sind Menschen.
- Frauen und Männer sind gleichberechtigt.

Längst nicht alle Menschen unterschreiben diese Sätze. So denken und fühlen viele Menschen, wenn sie über andere sprechen. Über Minderheiten, Andersfarbige, Leistungsschwache, über den wenig Gebildeten, den Armen, den politischen Feind. Hier formuliert sich die eigene Ohnmacht und Dummheit und verwandelt sich in Arroganz und Brutalität.

Das Menschenbild der Bibel könnte für alle jene eine befreiende Wirkung haben. Am Anfang des Ersten Testamentes steht eine Schöpfungsgeschichte, die etwa aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert stammt. Darin wird der Mensch als Denkmal Gottes und als sein Spiegel bezeichnet. Ein Denkmal ist dazu da, Menschen zu erinnern, zu mahnen. Übertragen auf das biblische Menschbild:

Wo du einem Menschen begegnest, wirst du an den Schöpfer erinnert, wirst ermahnt, dich auf ihn zu besinnen. Wenn eine solche Einsicht Einzug hielte in die Pädagogik, in Politik und Wirtschaft , würde dies dem einzelnen Menschen zu einer besonderen Würde verhelfen. Dies wäre geradezu eine revolutionäre Anthropologie, d.h. eine, die dem Leben Sinn gibt, die eine ungeheure Gelassenheit vermittelt und Verantwortung überträgt. Wenn Christen dies ihren Kindern vermitteln und vorleben würden, ginge es wie ein Ruck durch die Menschheit, die Zukunft stünde plötzlich wieder offen und müsste nicht auf dem Mars gesucht werden.

Der Mensch als Spiegel Gottes?!
Wo du einen Menschen siehst, spiegelt sich Gott! Wer diese Voraussetzungen aus dem christlichen Glauben akzeptiert, fängt hier erst richtig mit dem Nachdenken über den Menschen an: mit seinen Begabungen und Fehlern, mit seinen Stärken und Schwächen.

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Gottesdienst am Sonntag

Gottesdienst und Kirche, das sagt mir nichts. Im Wald bin ich Gott mindestens so nahe. Ich brauche den Sonntagmorgen zum Ausschlafen. Die Predigten sind langweilig. Mir gefällt die Orgelmusik nicht.

Dieselben Leute aber stehen früh auf, um am Bauernfrühstück teilzunehmen, dieselben Leute fahren die Nacht durch, um ihren Verein spielen zu sehen, sie sehen stundenlang Talk-shows im Fernsehen, die höchst langweilig sind. – Nichts gegen diese Leute, aber ihre Argumente gegen den Gottesdienst ziehen nicht. All jene, die die Gottesdienste treu vorbereiten und halten, sind trotz aller Unzulänglichkeiten und Fehler mit dem Herzen dabei. Und wenn dann an einem gewöhnlichen Sonntag vielleicht gerade mal zwei, drei Dutzend Menschen zum Gottesdienst kommen, grenzt es schon an ein Wunder, dass der Pfarrer, der Gemeindeleiter, der Sakristan nicht einfach sagen: wegen Unterfüllung geschlossen.

Man gibt sich in den Kirchen inzwischen unendlich viel Mühe, Gottesdienste attraktiver, moderner zu gestalten, in Sprache und Musik, in Geste und Gebärde, in Information und Provokation, aber leider erleben das die Kritiker zumeist nicht mit.

Jeder, der einen Gottesdienst besucht, sollte sich klar sein, es geht nicht nur um meine Erwartungen und Hoffnungen. Vielleicht bin ich ja schon dadurch wichtig, dass ich neben einem Menschen sitze, der weint. Ich lege meine Hand auf seinen Arm. Vielleicht höre ich in der Predigt die Probleme anderer, vielleicht erkenne ich, dass ich in einer Gemeinschaft sitze, die 2000 Jahre alt ist. Vielleicht freue ich mich, dass da vorn ein junges Mädchen mit Gitarre von der grossen Welt singt, die Gott in seinen Händen hält, vielleicht spüre ich auch, dass die Orgel eben regelrecht getanz hat. Und dabei kann das Evangelium ganz schön quer liegen in Bezug Alltag, Politik, Gesellschaft. Aber das muss doch ausgesprochen werden! Wo denn sonst, wenn nicht beim Fest der Getauften und das ist der Gottesdienst.

(Neue Zuger Zeitung vom 17. Oktober 2008)

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Dankbarkeit leben

Wer stumpf dahinlebt, ohne manchmal staunend innezuhalten und sich über dies oder jenes wundert, dessen innere Sinne verlieren ihre Empfindsamkeit. Die Welt versteht sich nicht von selbst, nichts in ihr versteht sich von selbst. Kann man in dieser Welt leben und alles nur so hinnehmen, als gebe es nichts, das unsere verwunderten Fragen hervorruft? Ich komme oft - gerade bei einfachen Dingen - aus dem Staunen nicht heraus und ärgeremich, wenn ein anderer nur ein Achselzuckendes "Na und?" dafür übrig hat.

Wer sich noch wundern kann und das Staunen nicht verlernt hat, der findet zu einer Haltung "elementarer Dankbarkeit". Ich finde mich in einer Welt vor, die ich nicht geschaffen habe, deren Bauprinzip ich nicht wirklich kenne, deren geheimnisvolle Ordnung ich nur ahnen kann. Weil ich mich in dieser Welt wohl fühle und mein ganzes Leben dazu brauche, sie tiefer zu erfassen, bin ich von einer steten Dankbarkeit erfüllt.

Am Abend erinnere ich mich gerne an die Tagesbilder: da tauchen noch einmal die Speisen auf, die ich essen durfte, sie verbreiten ihren Duft ihre Würze, Gesichter nehmen Gestalt an, Worte klingen nach, ein Lächeln, das mir zuteil wurde, ist unvergessen. Eine Melodie ist noch in mir, eine seltsame Wolkenformation hat sich mir eingeprägt. Und das soll nichts sein, was unsere Dankbarkeit hervorruft? Wahrhaftig, nichts versteht sich von selbst. Ich erinnere mich, dass mein Herz mit beruhigender Gleichmässigkeit geschlagen hat, dass mein Magen die Speisen aufnahm und verarbeitete, mein Rücken, der mir manchmal Kummer macht, hat den ganzen Tag nicht geschmerzt. Und das soll kein Anlass sein, zutiefst dankbar zu werden? Was muss denn geschehen, damit ich dieses Gefühl der staunenden Überraschung empfinde?

Wenn ich mich um diese einfach Dankbarkeit bemühe, lebe ich anders. Ich bekomme andere Augen und Ohren. Ich kann nicht gedankenlos bleiben, denn ich bemerke jetzt,  wie vielfältig sie sind, die Geschenke, die ich dauernd empfange.

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Ein Quentchen Gegenwart

Die letzten Tage bin ich viel herumgerannt, musste mit meiner Zeit haushälterisch umgehen und hatte immerzu den Eindruck, dass ich gejagt wurde, nie stehen bleiben durfte. Jetzt aber öffnet sich mir plötzlich ein Freiraum: ich kann in der kommenden Zeit verweilen. Sie ist mir geschenkt, wie ein freies Spielfeld, in dem ich herumturnen kann nach eigenem Gutdünken. So schmal dieses seltsame Gebilde ist, das wir „Gegenwart“ nennen, so unmessbar winzig, dass wir es nicht packen können und es immer schon weitergehuscht ist, wenn wir es greifen wollen: dieses winzige Gebilde ist doch auch unser ganzes Glück, darin ist unsere jeweilige Daseinsform beheimatet. So tanze ich auf einer nicht wahrnehmbaren Spur. In jedem Moment wird mir wieder neu „Gegenwart“ geschenkt.

So sparsam wir gewöhnlich mit unserer Zeit umgehen müssen, manchmal ist es wichtig, sie nicht ängstlich zu bewahren, sie nicht mit tausend Dingen voll zu packen, sondern zu geniessen. Es ist eine Freiheitserfahrung, im „Jetzt“ zu sein. Gerade weil ich  soviel planen, ordnen, einteilen und abgrenzen muss, das Künftige vorwegnehmend, gerade deshalb muss ich manchmal eine Weile verstreichen lassen, ohne sie bis zur letzten Sekunde zu nutzen. „Jeder Tag hat seine eigene Plage“, mahnt die Bergpredigt (Mt 6,34). Ja, wir müssen auf das Kommende schauen, wir sind zum Planen verpflichtet und doch geschieht so viel ohne unser Zutun.

Der Augenblick ist unser, also darf ich im jetzigen Moment beheimatet sein. Wenn es mir gelingt, ganz und gar im  „Jetzt“ zu sein, dann bin ich ganz bei mir. Ich brauche mich nicht festzuhalten, muss den Gesichtsausdruck nicht kontrollieren, die Fassaden spielen keine Rolle mehr, die Erstarrung weicht. Mir wird dieser Augenblick geschenkt.Ich geniesse es, dieses Quentchen Gegenwart zu verkosten. Es ist wie eine stille Oase, ich lasse die Zeit eine Weile verstreichen, weil der erfüllte Augenblick am ehesten das Eingangstor der Ewigkeit sein kann. Gott kann sich auf viele Weisen kundtun, aber er scheint es zu lieben, ins verborgene „,Heute“ einzudringen.

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Ich Esel!

Kürzlich haben wir uns im Freundeskreis über
das «Lachen» unterhalten. Gemeint war nicht der platte Witz oder die fade Pointe, auch nicht der Galgenhumor, der immer «trotzdem» lacht.
Nein, wir waren auf der Suche nach jenem Lächeln oder befreienden Lachen, das immer dann aufkommt, wenn Menschen sozusagen «über den Dingen» stehen. Wir waren uns dann schnell
einig, dass das Lachen teuer geworden ist, nicht im finanziellen Sinn, sondern im Sinn von selten.
Denn was eigentlich zum Lachen reizt, sind doch alle unsere Unzulänglichkeiten, unsere
Kanten und Versager, unsere Steifheiten und Ungereimtheiten, unsere Falten und Unmöglichkeiten.
Das alles wissen wir ja und trotzdem lachen wir nicht gern darüber, weil die Gefahr
besteht, man könnte auch über uns lachen. Genau dies ist der Punkt: Es ist nicht so wichtig,
über etwas zu lachen, es ist wichtig, über sich selbst zu lachen! Es ist leicht, über den Nachbarn
zu kichern, über Meiers und Müllers zu lachen, auf Kosten anderer ist es immer leicht. Aber sich
selber auf die Schippe nehmen, am Rand des Alltags lächeln, wo andere motzen, sich freuen,
wenn die eigenen Steifh eiten von der komischen Seite genommen werden.

Vor einigen Tagen, als ich an einer Predigt rumstocherte, entdeckte ich, dass mein Flur rötlichbraun
gefärbt war. Schüfeli und Bäseli her! Aha, das waren Besucher gewesen. Das ging den
ganzen Tag so, immer wenn ich hinsah, entdeckte ich diesen Dreck. Also wieder: Schüfeli und Bäseli. Doch plötzlich kam mir in den Sinn: Ich hatte doch gar keine Besucher. Ich merkte, dass meine eigenen Schuhe diesen Dreck verursacht haben. Und richtig: Am Morgen war ich im Hühnerstall gewesen, um Eier zu holen und Futter zu bringen.   Da dachte ich lächelnd: Ich Esel!

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Zwerg und Riese
Von Märchen sind auch Erwachsene fasziniert: Gute Zwerge finden unser Mitgefühl, gute Riesen unsere Bewunderung. Schlechte Zwerge bedenken wir mit Abscheu, schlechte Riesen haben bei uns keine Chance. Eine uralte Menschheitserfahrung ist in Märchen eingeflossen: Ängste und Hoffnungen.
Auch in unserem Sprachgebrauch tauchen diese Gestalten auf: Giftzwerge, sagen wir und wenden uns ab. Fruchtzwerge, sagen wir und verzehren sie. Warenhausriese, sagen wir aus Bewunderung und Angst. Ölriesen und andere Riesen flössen uns Respekt und Ohnmachtsgefühle ein. Von anderen Riesen wiederum erwarten wir Hilfe und Schutz, nicht nur für das Weiss unserer Wäsche. Supermänner und Superfrauen feiern Filmerfolge und landen schliesslich unter dem Spielzeug unserer Kinder. Dazu kommen die vermeintlichen Riesen, die Möchtegernriesen - in unseren Pfarreien, Gemeinden, auf Staatsebene oder im Ausland.
Wälzte man in Vorzeiten solche Ohnmachts- oder Triumphgefühle auf Götter, Riesen und Zauberzwerge ab, so sucht sich der Zeitgenosse einfach nur den Stärkeren, den Überlegenen, den Eindruckmacher. Wer Diener eines Riesen ist, hört auf, ein Zwerg zu sein!

Warum schreibe ich diese Zeilen? Liegt es daran, dass ich mich als Zwerg fühle und keine Wege sehe, mich gegen die Giganten zu wehren? Liegt es daran, dass ich immer häufiger Zwergen begegne, sowohl den giftigen wie den netten? Schlummert in uns beides? Mit der Neigung, den Riesen zu spielen, wenn wir Zwerge vor uns haben, um gleich wieder Zwerg zu sein, wenn wir Riesen begegnen? Wie harmlos erscheinen die Märchen gegenüber dem, was uns der Alltag auftürmt. Des Rätsels Lösung: Wer sich ständig vergleicht, will auf der Seite des Mächtigen, des Reichen und des Grossen stehen. Was also tun? "Bescheidenheit ist eine Zier" - so bleibe ich ganz gerne ein Zwerg und lasse mich von angeblichen Riesen nicht beeindrucken!

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Das waren noch Zeiten

Zugegeben, mein Jahrgang gehört nicht mehr zu jenen, die in voller Blüte stehen. Meine Kinder und Jugendzeit liegt in den 50er und 60er Jahren. Gehören Sie auch dazu?

Als wir noch jung waren, war so manches anders:

  • Wir gingen zu Fuss oder mit den Rollschuhen zur Schule und assen von verbotenen Obstbäumen.
  • Wir fuhren mit dem Velo ohne Sturzhelm und Knieschoner. Umfallen schmerzte, aber man
    überlebte – und lernte dazu.
  • Wir hatten keine Handys, so konnte auch keiner wissen, wo wir gerade waren.
    Unvorstellbar heute!
  • Butterbrot mit Zucker drauf, Schokolade und gesüssten Tee etc. haben wir zuhauf konsumiert,
    aber wir hatten keine Gewichtsprobleme, da wir tagsüber draussen am Springen, Laufen und
    Spielen waren.
    Man teilte sich Essen und Trinken,
    notabene aus dem gleichen Glas – niemand ist daran gestorben.
  • Wir spielten Verstecken, Zinggis, «Räuber und Poli» und wenn jemand als Letzter in eine Mannschaft gewählt wurde, war das kein Drama. Wenn einer die gesteckten Ziele in der Schule nicht erreichte, musste er deswegen nicht zum Psychologen, man gab ihm Zeit, bis er den Knopf selber öffnete.
  • Wir lernten, dass man sich in der Welt selber behaupten muss. Wir hatten keine Playstation, MP3-Player, 250 TV-Sender, CD-Brenner, Notebooks, kein Facebook und anderes, aber wir hatten dafür echte Freunde!

Wir durften gute und schlechte Erfahrungen selber machen, lernen, was Verantwortung heisst.
Und vor allem, wir sind am Sonntagmorgen noch in die Kirche gegangen! Sie auch?

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Bald ist Ostern

 

Die Tätigkeiten, Aktivitäten, Vorbereitungen, Gedanken sind vor Ostern so ganz anders als vor Weihnachten. Jetzt gibt es Farbe, Stiefmütterchen werden gepflanzt, helle und bunte Kleider werden ausgesucht, Wohnungen und Häuser werden geputzt, Gartengeräte bereit gestellt, der Frühling herbeigesehnt. Mehr noch: Voller Freude hören wir die Vögel zwitschern, aufgeregte Stare schillern in der Sonne, Telefongespräche werden anders geführt als sonst, Fenster werden von Aussen geputzt, ja die Menschen bekommen fast neue Gesichter …

Mit alledem sage ich nichts Neues, sondern etwas ganz Altes. Aber dieses Alte hat es in sich. Schnell schieben wir es auf den Wechsel der Jahreszeiten. Aber darunter, sozusagen unter dem Teppich, entdeckt alles Lebendige das Leben. Etwas dramatischer gesagt: Der Mensch entdeckt, dass er auf Leben angelegt ist. Es ist geradezu eine unbändige und ausgelassene Freude über das Leben. Was da nicht alles in Gang gebracht wird: der leicht angerostete Rasenmäher, die Wasserleitung, die nach draussen führt, oder anders gesagt, alles Verrostete wird geölt, alles Festgefahrene wird gelöst, alles Eingefrorene wird aufgetaut, alles Stillgelegte wird angeschlossen, alles Eingepackte wird gelüftet – denn jetzt ist Ostern!

Und wie ist das mit uns? Es ist ja kaum auszudenken, was geschähe, wenn sich auch in uns Festgefahrenes lösen, das Eingefrorene auftauen, das Abgemeldete anmelden und das Gestaute lüften liesse! Genau hier sind wir dem eigentlichen Geheimnis von Ostern auf der Spur. Nur – mehr will ich nicht verraten. Was versteckt ist, sollte man selber suchen, ganz besonders an Ostern … und keinesfalls nur bunte Eier!

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Der Himmel auf Erden

Im Guinnessbuch der Rekorde kann ich es nachlesen:
Den höchsten Berg, das höchste Haus, den weitesten Flug im All, alles fein säuberlich notiert und beglaubigt. Und das gilt nicht nur fürs Guinnessbuch, auch für Menschen und Unternehmungen: Täglich wird gemessen, gerechnet, verglichen, wer zuoberst, zuvorderst, wer die Nummer eins ist.

Wer’s geschafft hat, wird gelobt, zum Höchstwert gehandelt. Die Nummer eins sein, das ist der Himmel auf Erden. Wenigstens so lange, bis die Angst aufkommt, überholt zu werden, bis uns die Kosten für den Wettlauf präsentiert werden. Auf jeden Fall ist dieser Himmel nicht von langer Dauer. Wen wundert es, wenn diese Gipfelstürmer nach Ersatzhimmeln suchen: ein exzellentes Essen, ein super Ferienort, das schnellste Auto, die rassigste Freundin, das schönste Haus. Sogar in der Freizeit wird dem
gleichen Zwang aufgesessen. Den Himmel auf Erde haben: Braucht es dazu einen Rekordlauf?

Den Himmel auf Erden haben: Könnte das nicht auch schlichter Alltag sein? Zusammen arbeiten, seine Aufgabe erfüllen, der Phantasie Platz lassen, keine Ellbögeleien, Ungerechtigkeiten vermeiden, Konflikte so angehen, dass Menschen davon profitieren. Auf diese Weise könnten wir Tausende von kleinen Himmeln bauen, gerade dort, wo wir sind. Und Himmel bauen gehörte dann zu jedem
Unternehmensziel, Himmel bauen gehört in das Aktionsprogramm der Gewerkschaften. Himmel bauen wäre im Pflichtenheft jedes arbeitenden Menschen. So käme der Himmel auf die Erde.

Auch ohne Guinnessbuch.

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Bringt’s überhaupt etwas?

Da wurde ich kürzlich gefragt, weshalb ich denn immer noch in dieser Kirche arbeite. Der Satz hat mich zum Grübeln gebracht. «Was bringt’s denn?» Man kann sich tatsächlich fragen: Was springt dabei heraus, wenn wir predigen, viel Zeit und Kraft investieren, die Frohe Botschaft schmackhaft zu machen? Wer zählt die Stunden
Religionsunterricht an den Schulen – und der Erfolg?
Menschen hören Sonntag für Sonntag die Predigt. Wo spürt man, dass damit Ernst gemacht wird? Wie viel Zeit und Engagement bringen wir auf für Kommunion- und
Firmunterricht, bei Taufgesprächen, in der Pfarreiarbeit?
Ist das alles in den Wind gesprochen?

Dies war die Situation von Jesus und seinen Jüngern. Anfangs begegneten die Menschen Jesus mit Offenheit und Bereitschaft. «Alle wollten ihn hören», verrät das
Evangelium. Aber was sprang dabei heraus? Die zwölf, die ihm folgten, und eine Handvoll Jüngerinnen. War Jesu Predigt umsonst? Wenn nach dem «Galiläischen
Frühling» die Führungsschicht nichts von Jesus wissen wollte, muss unter den Getreuen eine ähnliche Verunsicherung gewesen sein. In dieser Situation erzählt Jesus
die Geschichte vom Bauern, der Samen ausstreut. Unverdrossen und zuversichtlich wirft er ihn über das Land. Mit voller Kraft wirft er Korn über den Acker, so dass es noch auf den Weg und den steinigen Boden fällt. Aber was soll’s! Viel fällt auf fruchtbaren Boden und bringt letztlich hundertfache Frucht. Eine Geschichte, die jeder versteht. Jesus ist mitten drin im Ausstreuen und Aussäen. Die einen nehmen auf, andere nicht.
Und das Gleichnis verrät: So geht es zu bei diesem Geschäft mit der Verkündigung. Jesus will sagen, wundert euch nicht, wenn es Misserfolge gibt. Jedem wird das Wort Gottes verkündigt, aber keiner wird vergewaltigt. Jedem bleibt die Freiheit, es anzunehmen oder abzulehnen. Und mitten drin wächst und reift auch Frucht.

Wichtig ist nicht der augenblickliche Erfolg, wichtig ist, dass das Reich Gott verkündigt wird. Jetzt haben wir nur zu säen. Selbst wenn wir auf die Frage «Was bringt’s?»
die enttäuschte Antwort «Nichts» geben müssen – tun wir doch das Unsrige unverdrossen. Gott trägt das Seinige dazu bei, denn vor ihm ist nichts umsonst.

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